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Der persönliche Umgang

Beinahe vom Lastwagen überrollt


Der Wecker hat soeben geklingelt und ich spüre die Schmerzen in meinem Kopf. Nein, bitte nicht schon wieder! Trotzdem quäle ich mich aus dem Bett und greife zu Medikamenten. Ich nehme sie auf nüchternen Magen. Dann dusche ich, mache mich zurecht und gehe arbeiten. Dies alles in der Hoffnung, dass ich die Attacke doch noch in den Griff kriege.

Nochmals Tabletten schlucken im Büro. Auch dies nützt nichts. Die Attacke wird stärker und erreicht schon fast ihre Spitze. Ich bin nicht mehr fähig, weiter zu arbeiten. Mein Chef lässt mich ohne Probleme nach Hause gehen. Ich räume meine Sachen zusammen und mache mich auf die ca. 15-minütige Autofahrt.

Die Migräne hat ihren Spitzenschmerz erreicht. Es pocht, drückt und sticht in meiner rechten Kopfhälfte. Ich schaffe es kaum, mich auf die Strasse zu konzentrieren. Trotzdem fahre ich zügig und auf der Überholspur. Ich habe nur noch ein Ziel vor Augen: mein abgedunkeltes Schlafzimmer mit offenem Fenster. Die Schmerzen treiben mich fast zur Ohnmacht. Wenn ich nur schon zu Hause wäre. Es ist gefährlich, so unterwegs zu sein.

Ich befinde mich noch immer auf der Überholspur und versuche, an einem Lastwagen mit Anhänger vorbei zu flitzen.
Doch da sticht er nochmals mit seiner ganzen Heftigkeit zu, dieser verdammte Schmerz. Ich weiss nicht mehr, was passiert. Für einen Moment bin ich weg. Das Hupen des LKWs dröhnt extrem laut in meinen Ohren und ich realisiere, was auf der Strasse abläuft. Mein Tempo ist genau gleich wie das des LKWs. Ich befinde mich auf seiner Anhängerhöhe genau zwischen den Vorder- und Hinterrädern. Um Haaresbreite wäre mein Auto unter diesem Anhänger gelandet. Dass ich das bei Tempo 90 nicht überlebt hätte, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Ich reisse mein Steuer nach links, um wieder einen Sicherheitsabstand zum LKW zu gewinnen und beschleunige.

Erst am Abend, als die Schmerzen langsam abklingen, wird mir bewusst, in welch lebensgefährlicher Situation ich mich befunden habe. Und das nur, weil ich unbedingt bei der Arbeit erscheinen wollte und dann noch zu lange die Heimfahrt aufgeschoben habe.

Seit diesem Tag stehe ich zu meinen Schmerzen und lasse mich zu gar nichts mehr zwingen oder gar erpressen von Drittpersonen. Nie mehr werde ich wegen Migräne leichtfertig mein Leben aufs Spiel setzen!
Ich kläre meine Umgebung und meine Arbeitskollegen sachlich und verständlich über meine Krankheit auf.

Es ist mir noch nicht oft passiert, dass ich als Simulantin hingestellt wurde. Migräne ist und bleibt eine Krankheit ohne Heilungserfolg, doch es gibt viele Möglichkeiten zur Linderung.


Bernadette



Erleichterung durch Akupunktur


Begonnen hat meine Migräne vor ca. 10 Jahren, interessanterweise im gleichen Jahr, in dem ich einen Sonnenstich hatte. Daher habe ich die heftigen Kopfschmerz-Attacken darauf zurückgeführt.

Als die Attacken immer häufiger auftraten und mich mittlerweile mindestens einmal pro Woche plagten, konsultierte ich meinen Hausarzt, welcher sofort Migräne diagnostizierte. Er versuchte, mein Problem mit Physiotherapie und Entspannungsübungen zu lösen, doch als dies nichts nützte, empfahl er mir eine Akupunktur-Behandlung. Diese hat bewirkt, dass ich nicht mehr so oft von Migräne geplagt werde. Nun ist es nur noch ungefähr ein Anfall pro Monat.


Ich habe aber auch entdeckt, dass ich auf die typischen Nahrungsmittel Schokolade, Käse und speziell Wein sehr ausgeprägt reagiere. Nehme ich diese Nahrungsmittel während einer Wetterinstabilität ein, kann ich sogar eine Migräne provozieren. Durch diese Erkenntnis bin ich in der Lage, meine Migräne einigermassen im Griff zu haben.


Charlotte



Heilung durch Zufall


Meine ersten Migräneanfälle hatte ich sieben Monate nach der Hochzeit, als wir von einer Mietwohnung in unser neu erstelltes Haus übersiedelten. Ich lag an diesem Tag mit unwahrscheinlichen Kopf- und Magenkrämpfen im Bett und wollte sterben. Diese mir bis dahin unbekannten Schmerzen wiederholten sich sporadisch. Später, als mir bewusst wurde, dass mein Gatte Alkoholprobleme hatte und für meine Anfälle wenig Verständnis zeigte, stellte sich die Migräne etwa im Monatsabstand ein.


Ich zähle mich zu den gewissenhaften Menschen. So überfielen mich die Anfälle meistens, wenn ich wegen Geldsorgen den Zahlungen nicht nachkommen konnte. Nach fast vierzehnjähriger Ehe kam es zur Scheidung. In den zweieinhalb Jahren bis der Gerichtsentscheid ausgesprochen war, häuften sich die Anfälle auf zwei bis drei pro Monat. Später, als allein erziehende Mutter von zwei Söhnen, überkam mich die Migräne seltener, meistens nach tagelanger Arbeit am Computer. Ich versuchte, die Anfälle mit Schmerzmitteln zu mässigen, was mir mit rezeptpflichtigen Zäpfchen gelang, sofern ich diese vor einem Anfall rechtzeitig anwendete.

Nach einem Arztwechsel, respektive um den Nebenwirkungen einer erforderlichen Hypertonie-Medikation entgegenzuwirken, nahm ich täglich Magnesiumpulver. Wie durch ein Wunder verschwanden die Anfälle gänzlich. Es kann sein, dass auch die gleichzeitig eingetretene Menopause dazu beigetragen hat.

Heute bin ich von Migräne geheilt - Gott sei Dank!


Maria



Die Suche nach dem eigenen Handwerkszeug


Ich war beeindruckt, die persönlich abgefassten Migränegeschichten zu lesen und zu sehen, wie schwer es vielen Menschen fällt, einen persönlichen Umgang mit ihrer Migräne zu finden, wie verzweifelt, suchend, enttäuscht und hoffnungslos sie sind.

Jeder Patient leidet unter seiner individuellen Migräne und ist somit der wahre Experte seiner Kopfschmerzen. Er kann die Frage am besten beantworten, was ihm das körperliche Warnzeichen, die Migräneattacke, sagen will. Meistens lautet die Antwort: Pause. Der pochende Kopfschmerz mit Sehstörungen, die Übelkeit, die Licht- und Lärmempfindlichkeit während der Migräneattacke zwingen den Patienten zu einer Ruhephase im Alltag.


Aus dem Gleichgewicht


Es scheint, dass Migräniker oft das innere und äussere Gleichgewicht verlieren. Wenn wir uns Menschen in einem komplexen, dynamischen, bio-psycho-sozialen System vorstellen, so wird dieses ständig von vielen Faktoren beeinflusst. Diese äusseren und inneren Einflüsse und Reize können derart stark werden, dass ein labiles Gleichgewicht umkippt. Eine Reihe von Beschwerden treten auf, beispielsweise eine Migräneattacke.


Es ist wichtig, die individuellen, möglichen Migränefaktoren zu hinterfragen und zu erkennen. Besteht möglicherweise eine Depression, Angst, ein psychischer oder sozialer Konflikt, Wut, Schuldgefühl, Furcht vor Misserfolg, Arbeitssucht, Überlastung mit hohen fremdbestimmten Anforderungen, ein übermässiges Pflichtbewusstsein, die Überzeugung, unabkömmlich zu sein, unerreichbare Leistungserwartungen der Eltern oder ein Defizit bei der Stressbewältigung? Neben diesen eher psychosozialen Faktoren gibt es eine Reihe von gesundheitsbedingten Migräneauslösern, beispielsweise zu hoher oder zu niedriger Blutdruck, hormonelle Veränderungen, Schlafstörungen, Infektionen, genetische Prädisposition, Unfälle mit Folgen, Medikamentennebenwirkungen, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeit.


Der Arzt sollte dem Patienten empathisch zuhören und kluge Fragen stellen. Dies insbesondere, um die gefährlichen Formen der Kopfschmerzen zu erkennen und den Patienten sachkundig beraten zu können. Leider besteht gelegentlich ein Kommunikationsproblem zwischen Doktor und Patient, sodass der Kranke verzweifelt, suchend, enttäuscht und hoffnungslos von Arzt zu Arzt, von Therapeut zu Therapeut und von einem Scharlatan zum anderen reist.


Hilfreiches Teamwork


Nur ein Arzt des Vertrauens kann zusammen mit dem Patienten die schwierige Aufgabe der Kopfschmerztherapie massschneidern und die Verantwortung dafür übernehmen. Die Behandlung kann erst erfolgen, wenn die Diagnose geklärt ist und sorgfältig darüber nachgedacht wurde, welche Kopfschmerzart vorliegt oder ob der Patient möglicherweise unter mehreren verschiedenen Formen von Kopfweh leidet. Es ist wichtig, Zeitdauer und Erfolg der bisherigen Behandlung zu kennen und die Erwartungshaltung und Motivation des Patienten gegenüber verschiedenen Therapieformen zu erörtern. Bei der Kopfschmerz-Therapie ist immer wieder die Eigenverantwortlichkeit, Autonomie und Aktivität des Patienten zu fördern. Idealerweise gehen Patient und Arzt ein langfristiges Teamwork ein und sind bei therapeutischen Massnahmen realistisch, kritisch bezüglich Nutzen, Kosten und Wirkung und, vor allem, stets suchend, immer hoffnungsvoll und optimistisch.
Wenn eine Migräneattacke auftritt, ist Ruhe die wichtigste Erste Hilfe. Die Behandlung der akuten Migräne-Attacke besteht darin, den Patienten von äusseren (Lärm, Licht, Geruch) Reizen abzuschirmen. Oft helfen die „5c: calm, cold, citron, cola, café“ kombiniert mit einer medikamentösen Therapie mit Analgetika und Triptanen.
Nicht jede prophylaktische Therapie ist für alle Patienten geeignet. Anderseits können nicht-pharmakologische Therapien, die den wissenschaftlichen, statistischen Nachweis der Wirksamkeit nicht erbracht haben, für einzelne Patienten hilfreich sein. Viele Behandlungsmethoden beruhen auf Entspannung und Suggestion. Die Liste der Vorsorgebehandlungen beinhaltet unter anderem: Vermeiden von schmerzauslösenden Umständen, Autogenes Training, Yoga, Meditation, Physiotherapie, Alexandertechnik, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Biofeedback, Stress-Management, Leistungsbegrenzung, Akupunktur, Thermalbäder, Massage, Sport, leichtes Ausdauertraining, Müssiggang, Kreativität und Spiel.

Ich wünsche mir, dass Sie als Patient mit Ihrer individuellen Migräne das eigene Handwerkszeug finden und, dass Sie trotz Migräne ein erfülltes Leben führen.

Dr. med. Mark J. Emmenegger