Von Hoffnungen und Abhängigkeiten
Gut, dass es Notfall-Ärzte gibt
Ich bin 33 Jahre alt. Mit 14 Jahren fing ich an, harte Drogen zu konsumieren. Zwölf Jahre später habe ich den Ausstieg geschafft. Da fingen auch meine Migräne-Anfälle an. Anfänglich nachts, ohne Voranmeldung. Ich erwachte mit grossen Schmerzen, so dass Medikamente auch nichts mehr brachten. Das hiess für meinen heutigen Ehemann, aufstehen und mich notfalls ins Spital bringen. Mit dem Spritzen von starken Medikamenten brachte man es weg. Danach war ich so erschöpft, dass ich den ganzen Tag nur noch schlief.
Meine Anfälle waren so schlimm, dass ich vielfach erbrechen musste, und auch das Atmen fiel mir schwer. Mit der Zeit hatte ich so grosse Angst davor, dass ich anfing mich stark zu verkrampfen. Das hiess für mich, dass ich Medikamente einnahm, wenn ich nur ein kleines Zeichen von Kopfschmerzen verspürte.
Heute glaube ich zu wissen, wann ich Migräne bekomme. Wenn ich beispielsweise übermüdet bin oder zuviel Stress um mich ist. Oftmals denke ich, dass mein Körper sich so seine Ruhe holt. Seit ich weiss, dass es die Notfall-Ärzte gibt, die nach Hause kommen, sind die Ängste nicht mehr so gross. Für mich ist das eine grosse Hilfe.
Aber gelöst ist das Problem nicht. Ich habe sehr viel ausprobiert: Psychotherapie, darauf achten, dass ich neun Stunden Schlaf habe, viel frische Luft, weniger Rauchen und vieles mehr. Die Migräne ist etwas so Schlimmes, dass ich sie nicht einmal meinem grössten Feind wünsche. Ich bin berufstätig und das in einem Beruf, in dem Ausfälle so gut wie nicht sein dürfen. Deshalb kehrte ich in der Vergangenheit vielfach zur Arbeit zurück, wenn die Schmerzen so halbwegs weg waren. Tja, mein Kopf fand dies gar nicht gut. Kaum war ich wieder zu Hause, fing es wieder an. Eine Zeitlang bekam ich die Migräne einen Tag vor den Frauenbeschwerden. Das ist Gott sei Dank vorbei. So wie es gekommen ist, ist es auch wieder verschwunden.
Migräneanfälle habe ich trotzdem noch. Mittlerweile habe ich mehr oder weniger akzeptiert, dass ich sie habe und dass sie sehr unberechenbar sind.
Gabriela
Meine Migränegeschichte
Ich leide seit ungefähr meinem achtzehnten Lebensjahr unter Migräne, das heisst, ich habe zwei verschiedene Kopfschmerzarten, Migräne und chronische Spannungskopfschmerzen.
Obwohl ich sehr gesund lebe, das heisst, nie geraucht habe, keinen Alkohol trinke und sehr viel schlafe, hat bei mir noch kein Arzt festgestellt, woher meine Kopfschmerzen kommen. Auch hat bis heute niemand eine wirksame Therapie herausgefunden, die mir das Leben etwas lebenswerter machen würde.
Ich habe sicher schon alles ausprobiert, was für mich möglich war: Akupunktur, Neuraltherapie, Physiotherapie, diverse Massagen und vieles mehr. Es ist wirklich zum Verzweifeln.
Ich habe schon oft mit dem Gedanken gespielt, diesem schrecklichen Leiden ein Ende zu machen. Aber da ist noch mein Sohn, den ich über alles liebe und dem ich so etwas niemals antun könnte, denn das würde er mir nie verzeihen. Obwohl er auch ab und zu an Migräne leidet und daher weiss, wie unangenehm dies ist, wäre es für ihn unbegreiflich, und so ist er derjenige, der mich von diesem Vorhaben bis heute abgehalten hat. Aber es ist für niemanden, der nicht unter diesen schrecklichen Schmerzen leidet, nachvollziehbar, wie sehr Kopfschmerzen die Lebensqualität des Betroffenen einschränken. Obwohl ich eine sehr fröhliche und lustige Person bin, viel lache und immer zu einem Spass aufgelegt bin, habe ich nach all den Jahren immer noch grosse Mühe, mit meiner Migräne zu leben. Ein grosses Problem ist, dass man anfängt, sich von Bekannten und Freunden zurück zu ziehen, weil man bestimmt im Moment einer Verabredung die lästigen Schmerzen bekommt oder aber schon hat. Man mag sich nicht immer rechtfertigen und sagen „Es tut mir leid, aber ich kann nicht kommen, denn ich habe wieder mal Migräne“. Alle andern können es ja sowieso nicht verstehen und so zieht man sich langsam aber sicher zurück, denn man ist in so einem Moment sowieso lieber alleine.
Da ich zu all dem noch allein stehend bin, muss ich natürlich auch einer geregelten Arbeit nachgehen und das tue ich sehr pflichtbewusst, das heisst, ich bleibe praktisch nie wegen meiner Schmerzen zu Hause.
Ich versuche die Schmerzen dann halt mit Medikamenten in den Griff zu bekommen, was natürlich auch nicht ungefährlich ist. Meine Mutter litt auch unter Migräne und ist mit vierzig Jahren an Nierenschrumpfung als Foge des grossen Medikamenten-Konsums gestorben, was bei mir natürlich noch zusätzlich Ängste auslöst. Aber was soll man sonst tun, denn man wird ja auf der Arbeit erwartet und zwar mit voller Leistung.
Es gibt Tage, da gehe ich mit Kopfschmerzen ins Bett und wache morgens wieder mit den gleichen, wenn nicht noch heftigeren Schmerzen, auf. Vielleicht bessert sich mein Leiden ja, wenn ich pensioniert bin. Aber das dauert noch einige Jahre. So hoffe ich, dass meine Leber und Nieren meinen Tablettenkonsum bis dahin verkraften werden. Mein grösster Wunsch wäre, noch ein paar Jahre ohne tägliche Schmerzen und Tabletten leben zu können, das wäre für mich das grösste Geschenk.
Ursula
Ohne Kur geht es nicht
Schon in meiner Kindheit hatte ich manchmal starke Kopfschmerzen, sodass ich vom Schulunterricht nach Hause musste. Bereits damals kam es vor, dass ich deswegen erbrechen musste. Medikamente gab es keine. Man schenkte der Sache keine Beachtung.
Als Erwachsener halfen mir dann bei einem Anfall einfache Schmerzmittel, doch zum Erbrechen kam es trotzdem hin und wieder. Mit den Jahren wurden die Attacken häufiger und auch stärker. Einfache Medikamente halfen oft nicht mehr, jedoch Ergotamin-Tabletten. In den letzten Jahren wurde die Angelegenheit so schlimm, dass ich oft täglich Migräne hatte. Auf Empfehlung meines Hausarztes machte ich eine Kur zur Migräneprophylaxe. Während dieser Zeit war ich dann praktisch schmerzfrei. Doch nach Absetzten der Kur war die Migräne nach zwei Tagen wieder da.
Ergotamin und alle anderen Tabletten nützen heute nichts mehr. Bei Attacken hilft nun das neue Medikament mit dem Wirkstoff Triptan innerhalb einer Stunde. Doch ohne prophylaktische Kur ist die Migräne innert zwei Tagen wieder da. Zurzeit mache ich diese Prophylaxe in reduzierter Form: Eine halbe Tablette am Morgen und am Abend. So geht es ganz gut. Doch ich kann diese Tabletten nicht ewig nehmen. Vor ein paar Wochen setzte ich sie ab. Nach zwei Tagen kam die Migräne. Ich versuchte, die Attacke ohne Medikamente durchzustehen, doch nach etwa 24 Stunden, während denen ich immer wieder erbrechen musste, nahm ich das Triptan.
Andere Möglichkeiten wie Akupressur, Akupunktur bei zwei verschiedenen Spezialisten, Öle, Massagen und Therapien beim Naturheiler in Appenzell nützten nichts. Die Migräne ist immer an der rechten Schläfe. Ich bin 65 Jahre alt, 1.68 Meter gross und wiege 62 Kilo. Eine meiner Schwestern litt ebenfalls sehr stark unter Migräne. Vor ein paar Jahren ist ihr Leiden am Ende der Wechseljahre vollkommen verschwunden.
Ich bin seit sechs Jahren gerichtlich getrennt und lebe jetzt mit meiner Partnerin. Seit dem 1. Januar dieses Jahres bin ich in Pension. Beruflich war ich mit vier Herrenmodegeschäften selbstständig erwerbend. Ich bin Nichtraucher, trinke keinen Alkohol, esse viel Früchte und Gemüse und mässig Fleisch. Ich treibe Sport und bewege mich regelmässig. Früher habe ich viel Tennis gespielt und Bergtouren gemacht. Heute wandere ich fast täglich eine bis drei Stunden. Ich arbeite im Garten und am Wochenende mache ich Bergwanderungen.
Antonio
Chronische Kopfschmerzen, Medikamentenabhängigkeit: gibt es Hoffnung?
Anfallsartige Kopfschmerzen, seien es Migräneanfälle oder Spannungskopfschmerzen, können sich im Verlaufe der Zeit verändern und in zunehmender Häufigkeit auftreten. Hat jemand an 15 oder mehr Tagen pro Monat Kopfschmerzen, spricht man von chronischen Formen. 4% der Bevölkerung leidet unter solchen Dauerkopfschmerzen.
Weniger heftig, dafür öfter
Der Übergang von der anfallsweise auftretenden Migräne in die chronische Form ist schleichend. Als Erstes realisiert der Patient möglicherweise eine Zunahme der Anfallshäufigkeit. Die Schmerzen werden dumpfer und verlieren an Intensität. Auch die typischen Migränebegleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sind weniger markant als früher.
Sie treten in den Hintergrund. Dafür sind die Kopfschmerzen nahezu täglich vorhanden. Sie sind aber weniger heftig als die früheren Migräneanfälle.
Der Dauerkopfschmerz ist erträglich bis mittelschwer. Auf ihn pfropfen sich häufig weiterhin eigentliche Migräneanfälle auf, wie sie der Patient seit Jahren kennt.
Schmerzmittel-Kopfweh
Typisch an chronischen Kopfschmerzen, die sich aus einer Migräne heraus entwickelt haben, ist die Tatsache, dass die üblichen Migräne-Anfallsmittel meist wirksam sind. Das gilt auch für die Triptane. Die steigende Kopfschmerzhäufigkeit führt zu einem zunehmenden Gebrauch von Schmerz- respektive Migränemitteln. Dies wiederum begünstigt die Kopfschmerzen. Es kommt zu einem so genannten Medikamentenkopfschmerz (drug abuse headache) und damit zu einem gefährlichen Teufelskreis. Sobald die Wirkung der Schmerzmittel nachlässt, meldet sich der Kopfschmerz wieder, welcher nach erneuter Behandlung schreit. Die Medikamentenabhängigkeit hat den Patienten nahezu unmerklich erfasst.
Mehr als 40% der Patienten mit chronischer Migräne befinden sich in diesem Dilemma. Es kann zu Organschäden an Leber, Nieren und am Magen-Darm-Trakt kommen, die Lebensqualität ist schwer beeinträchtigt. Alle Versuche des Betroffenen, aus eigener Kraft von den Medikamenten loszukommen, scheitern üblicherweise. Eine intensive Behandlung, Betreuung und Begleitung durch einen erfahrenen Kopfschmerzspezialisten ist nötig. In schwereren Fällen empfiehlt sich ein stationärer Entzug. Je nach dem kann danach ein Rehabilitationsaufenthalt notwendig sein.
Ausstieg mit Hilfe des Spezialisten
Vor der Behandlung gilt es zu analysieren, wie und warum es zur Entwicklung einer chronischen Migräne und der Medikamentenabhängigkeit gekommen ist. Danach werden die Schmerzmittel abgesetzt. Meistens erhält der Patient in dieser Phase Medikamente, welche die erhöhte Schmerzempfindlichkeit zu normalisieren vermögen. Dazu gehören bestimmte Antidepressiva und Migräneprophylaktika, die als Kuren langfristig eingesetzt werden müssen. Eigentliche Migräne-Anfallsmittel sind nicht mehr oder nur noch sehr beschränkt erlaubt. Die Einnahme muss sehr kontrolliert erfolgen.
Migräne, die über die Jahre eine chronische Form angenommen hat, kann nur langfristig behandelt werden und erfordert ein grosses Mass an Erfahrung und Wissen. Ein Facharzt, der sich auf die Kopfschmerzbehandlung spezialisiert hat, ist beizuziehen. Viele Patienten mit chronischen Kopfschmerzen und Medikamentenabhängigkeit, die allesamt völlig unschuldig in diese Situation hineingeschlittert sind, realisieren wohl ihre schwierige Lage, versuchen dies aber aus Scham oder aus Angst vor negativen Reaktionen zu verheimlichen. Ein offenes Gespräch mit dem Hausarzt und eine anschliessende Überweisung an einen ausgewiesenen Spezialisten wären aber dringend erforderlich. Packen Sie es an!
Dr. med. Hansrudolf Stöckli