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Irrwege der Therapie

Bin ich noch normal?


Angefangen hat alles in meiner Kindheit. Schon damals ist mir aufgefallen, dass ich anders bin als meine Schwester. Im Turnunterricht wollte ich nicht hüpfen, weil mir übel wurde und der Kopf weh tat. Auf dem Spielplatz mied ich jedes Karussell, weil mir schwindlig und schlecht wurde. Damals konnte ich nicht einordnen, warum die anderen Kinder diese Dinge konnten und ich nicht. Immer wieder hatte ich einfach so Kopfschmerzen und mir war übel, manchmal bis zum Erbrechen. Nach einem, spätestens zwei Tagen war es jeweils wieder vorbei.


Bis zu jenem Tag, als ich aufstehen wollte und sich das ganze Zimmer drehte. Mir war übel und meine Augen sowie der Kopf taten mir fürchterlich weh. Ich musste mich immer und immer wieder übergeben, obwohl ich schon nichts mehr im Magen hatte. Die Lichtempfindlichkeit war enorm. Auch hatte ich unaufhörlich Drehschwindelattacken. Dieser Zustand dauerte sieben Tage lang, danach hielten sich die Beschwerden in Grenzen. Ich hatte höchstens vier bis sechs Anfälle pro Jahr, die nicht länger als zwei bis drei Tage dauerten. Ich hörte damals immer wieder den Spruch: „Das hast du vom Vater geerbt.“

Zwischen dem 15. und dem 21. Altersjahr war ich weitgehend frei von Kopfschmerzen. Sie stellten sich erst während der ersten Schwangerschaft wieder ein und kamen etwa einmal im Monat. Aber eigentlich hatte ich sie gut im Griff: Ich nahm schnell einige Tabletten und das Problem war überstanden. Mit der Geburt des zweiten Kindes nahmen die Kopfschmerzen zu. Noch immer behandelte ich mich selber, schliesslich wusste ich seit meiner Kindheit Bescheid. Doch die Attacken wurden heftiger und länger. Die Tabletten wollten ihren Dienst auch nicht mehr so richtig bringen. Also ging ich zum Arzt. Der verordnete mir eine vorbeugende Therapie. Ausser dass ich zehn Kilogramm zugenommen habe, ist nichts passiert. Der Kommentar des Arztes lautete:
Sie sind überfordert mit den beiden Kindern.“ Und so verging die Zeit, immer wieder mit Kopfschmerzen, die ich damals schon als Migräne bezeichnete. Aber ich behandelte mich meistens selber. An die Rezepte heranzukommen, war nie ein Problem. Ob das gut gehen kann? Nein!

An einem schönen Frühlingstag im Mai 1998 fuhr ich zu meinem Arzt, nachdem ich schon über mehrere Tage Migräne gehabt hatte, die nicht enden wollte. Der Arzt versuchte mir erfolglos mit Akupunktur zu helfen. Zwei Tage später ging ich wieder in seine Praxis und unterzog mich einer Akupunktur. Noch während der Behandlung merkte ich, dass es schlimmer wurde. Als der Arzt die Nadeln zog, war ich mitten in einem Anfall von Übelkeit und klopfenden Kopfschmerzen. Er verabreichte mir darauf hin eine Injektion. Ausser einer schrecklichen Explosion im Kopf hat sich nichts verändert. Der Arzt spritzte mir noch ein Schmerzmittel. Mein Zustand hatte einen noch nie da gewesenen Höhepunkt erreicht. Ich musste zu meiner Schwester gefahren werden, da ich ausser Stande war, nach Hause zu gehen. Dort blieb ich eine Woche lang. Ich glaubte nun fest daran, einen Hirntumor zu haben. Was sonst konnte solche Schmerzen verursachen? Die Gebärmutter hatte man mir ja auch schon entfernt wegen Geschwüren und ich hatte drei Knoten in der Brust. Warum also nicht auch im Kopf? Angst machte sich zum ersten Mal breit. Eine Magnetresonanzuntersuchung zeigte kein pathologisches Resultat. Ich erhielt ein Rezept für Medikamente und hatte immer noch meine bewährten Schmerzmittel.

Ich fühlte mich von den Ärzten nicht ernst genommen, fing sogar an, an mir selber zu zweifeln. War ich noch normal? Das Ganze hatte zur Folge, dass meine Ängste zunahmen. Ich bekam plötzlich Schwindelanfälle mit Herzrasen und Schweisshänden. Dabei kam ich ins Hyperventilieren. „Nein, jetzt auch das noch“, dachte ich und ging zur eingehenden Abklärung zu einem anderen Arzt. „Alles bestens“ meinte er, „Sie sind gesund.“


Christa



Ich probiere immer wieder


Seit Jahren leide ich unter Migräne-Attacken. Manchmal denke ich, es wäre ja so schön auf dieser Welt ohne die Migräne. Mir fehlt sonst nichts, ausser eben an zwei oder drei Tagen in der Woche, wenn mich diese Krankheit erwischt. Ich kann sehr gut Schmerzen aushalten, nur keine Migräne. Angefangen hat alles vor einigen Jahren mit Lichtblitzen vor den Augen.

Ich habe diverse Untersuchungen und Therapien über mich ergehen lassen. Es half alles nur mässig. Jetzt bin ich schon so weit, dass ich nur schon dankbar wäre für ein Mittel gegen die Schmerzen. Ich nehme ergotaminhaltige Zäpfchen. Wenn ich das Glück habe nach der Einnahme noch etwa zwei Stunden zu Hause bleiben zu können, darf ich es nehmen, weil mir nach rund einer Stunde sehr übel wird. Nach dem Erbrechen sind die Schmerzen oft, leider nicht immer, weg. Manchmal muss ich die Dosis von anderthalb Zäpfchen wiederholen. Ich versuche, wegen der Migräne nicht im Geschäft zu fehlen, obwohl es manchmal wirklich zum Davonlaufen ist. Dazu kommen oft auch Schuldgefühle, wenn ein Termin wegen der Schmerzen doch abgesagt werden muss.

Es gibt leider immer noch Menschen, die doofe Witze über empfindliche Frauen mit ein bisschen Kopfweh machen. Leider auch manche Ärzte. Sehr gerne würde ich vom Ergotamin wegkommen. Irgendwie befürchte ich, dass dieses Medikament alles in meinem Körper kaputt macht, vielleicht sogar selber die Schmerzen verursacht. Ich habe viel anderes ausprobiert, auch ganz neue Mittel wie z.B. Triptane, aber die helfen nicht! Gemäss Arzt soll ich es immer wieder probieren. Schön, wenn ich nicht gerade arbeiten muss, probiere ich es eben wieder. Mit dem Ergebnis, dass ich dann stundenlang mit Schmerzen und Übelkeit warten muss, bis ich endlich wieder Ergotamin nehmen darf. Denn so verrückt bin ich auch nicht, dass ich alles durcheinander mische. Gibt es denn keine vernünftige Alternative?

Der Grund für diese Migräne-Anfälle ist meiner Meinung nach nicht immer derselbe.
Ich habe schon verschiedene Lebensmittel in verdächtgt, diese dann monatelang gemieden und trotzdem änderte sich nichts. Auf mein Drängen hin hat man meine Hormone untersucht und festgestellt, dass ich langsam in die Wechseljahre komme. Es tönt verrückt, aber ich habe mich fast darüber gefreut in der Hoffnung, dass man mir deswegen Hormone verschreiben würde, welche die Migräne vielleicht lindern oder sogar beseitigen könnten. Das erste Hormonpräparat war ein Fehlschlag. Aber wenn auch noch ein langer Weg von mir liegt, ich gebe nicht auf. Meiner Familie wegen und meinetwegen!

Marie



Odyssee in die Psychiatrie


Es ist schon lange her, dass eine Migräne-Attacke mein ganzes Leben veränderte. Wie so oft bekämpfte ich meine immer öfter auftretende Migräne mit den damals üblichen Schmerzmitteln. Kopfweh, im Speziellen Migräne, galt als Frauenübel und als psychosomatisch. Der Druck am Arbeitsplatz war gross. Ich musste die Migräne unbedingt im Griff haben und bekämpfen.

Unter diesem Druck, mich zu steuern, lief ich eines Tages aus dem Ruder. Ein Symptom überfiel mich nach dem anderen. Nebst dem Flimmern vor den Augen und dem Kopfweh mit dem Hämmern und Stechen wurde der Geruchssinn intensiver und löste bei jedem Hauch Erbrechen aus. Das Gefühl an der Hand, am Arm und im Bein war taub. In diesem Zustand wollte ich nur noch nach Hause, um mich im Dunkeln zu verkriechen. Um den Heimweg zu schaffen, „pumpte“ ich mich nochmals mit Tabletten „fit“. Die Reise im Zug war unendlich lang. Mein Geist und mein Körper spalteten sich auf und eine Amnesie (Gedächtnisstörung) verhalf mir „auszusteigen“. Was ich jetzt erzähle, habe ich akribisch mit vielen Fragen lückenhaft zusammengetragen: Beim Umsteigen im Bahnhof ging es mir so schlecht, dass die Ambulanz informiert wurde und mich ins Spital brachte. Der hohe Pegel an Schmerzmittel in meinen Blutwerten führte zur Diagnose Suizidversuch. Bei meinem zeitweiligen „Auftauchen“, an das ich mich nicht erinnern kann, wollte ich mit dem Schmerz tatsächlich nicht mehr leben. Das Kopfweh nahm man nicht zur Kenntnis. Man ging davon aus, dass dieses nur von den Tabletten käme. Ich war mit allem einverstanden, wenn man mich nur von den Schmerzen erlöste. So führte der Weg in die psychiatrische Klinik. Dort wurde eine Medikamentensucht diagnostiziert. Migräne war kein Thema. Der Lärm und der Geruch, vor allem aber der Zigaretten-Rauch an diesem Ort brachten mich wirklich fast um den Verstand.

Mit Hilfe von Freunden wurde ich zu einem anderen Arzt und auf eine andere Station verlegt. Wieder bei vollem Bewusstsein begann die Odyssee von einer Station zur anderen, eigentlich aber immer alleine gelassen mit den ständig häufiger auftretenden Migräneattacken und Schmerzen.

In der Zwischenzeit habe ich mit Hilfe der neuen Medikamente gelernt, auf dem Grat von „den Schmerz ertragen und ihn bekämpfen“ zu balancieren. Ich bin froh, dass es inzwischen eine Anerkennung und eine echte Diagnose der Migräne mit Aura gibt.

Ursula



Migräneattacken sind echte Krisen


Dass Migräne nicht einfach nur Kopfweh bedeutet, sondern, dass die Krankheit sehr viel mit Lebensqualität zu tun hat, wurde erst in den letzten Jahren richtig erkannt. Leider nicht von allen, die es angeht. Dies führt immer noch dazu, dass häufig keine für den Patienten individuell zugeschnittenen Behandlungsstrategien erarbeitet werden. Stattdessen herrscht ein wahlloses Durcheinander von nutzlosen Therapien. Einer der häufigsten Fehler ist wohl die Verwechslung der vorbeugenden Therapie mit der Akutbehandlung einer Migräneattacke. So ist beispielsweise die Frage „was halten Sie von Akupunktur bei Migräne“ in dieser globalen Art falsch gestellt. Wenn durch irgendeine Methode - beispielsweise Akupunktur - die Attacken weniger häufig und weniger intensiv auftreten, ist dies erfreulich. In der Akutsituation ist damit aber noch nicht geholfen.


Zögern bringt nichts


Die Attackenbehandlung bereitet oft Probleme. Wenn eine Patientin schreibt, sie schütte in einer solchen Situation irgendein Schmerzmittel in sich hinein und meistens brauche sie dann doch noch ein Triptan, dann muss sie die Reihenfolge umkehren. Zuerst und in einem möglichst frühen Zeitpunkt sollen diejenigen Medikamente mit der grössten Wirkungserwartung eingesetzt werden. Dies ist bei diagnostizierter Migräne eindeutig ein Triptan. In einem anderen Beitrag sind ergotaminhaltige Zäpfchen erwähnt, von denen die Autorin loskommen möchte. Solange dieses Mittel im Übermass genommen wird, kann etwas anderes gar nicht nützen, auch Triptane nicht. Dieses Kopfweh ist falsch behandelt. Die Therapie muss dringend korrigiert werden. Möglichkeiten dafür gibt es. Der Gang zu einem ausgewiesenen Kopfschmerzspezialisten ist aber unumgänglich.


Für sich selbst einstehen


Irrfahrten von Kopfwehpatienten über verschiedene Ärzte bis zu Quacksalbern sind keine Ausnahmeerscheinung. Zu bedenken ist aber, dass es keinen Therapeuten gibt, der das Problem lösen kann. Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist, der Patient muss sich in erster Linie selbst helfen. Aber wie soll er dies am besten anpacken? Zuerst gilt es einen Kopfwehspezialisten zu suchen, mit dem der Betroffene gemeinsam arbeiten kann. Allmachts- und Heilungsphantasien haben auf keiner der beiden Seiten Platz. Als Zweites müssen Migränepatienten lernen, die Realität ohne Angst und Schuldgefühle zu akzeptieren. Dazu gehört auch, dass es zur Krisenintervention die richtigen Medikamente braucht. Migräneattacken sind nämlich Krisen. Mit positivem Denken kommt man hier nicht weiter. Die schlimmste Situation für einen Migräniker ist wohl dann eingetreten, wenn das Kopfweh tagelang andauert, die vorher wirksamen Medikamente nichts nützen und das vegetative System entgleist, was sich in Form von Schwindelanfällen, Herzrasen oder Schweissausbrüchen ausdrückt. Dass man unter Umständen in einer solchen Situation mittels einer Magnetresonanzuntersuchung eine neu aufgetretene gefährliche Kopfwehursache ausschliesst, macht durchaus Sinn. Ist das Ergebnis normal, sind zwar Arzt und Patient für den Moment erleichtert, die Schmerzphase lässt aber dadurch noch nicht nach. Wenn niemand mehr weiter weiss, verstärken Ratschläge der Umgebung das Schuldgefühl vieler Migränepatienten, doch etwas falsch zu machen. Der erfahrene Kopfwehspezialist hat in solchen Fällen Möglichkeiten, einzugreifen und dabei auch die verschiedenen Kategorien von Angst und Migräne in Betracht ziehen.

Dr. med. Christian Meyer