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Jugend schützt nicht vor Migräne

Am liebsten keine Migräne mehr


Ich heisse Roman, bin dreizehn Jahre alt und ein Migränegeplagter. Mit sechs Jahren hat es bei mir begonnen. Ich musste mich im Kinderspital St. Gallen untersuchen lassen. Dort stellte sich heraus, dass ich Migräne habe. Obwohl wir alles Mögliche ausprobiert haben, vom Schulmediziner bis zum Naturarzt, wurde es nicht besser. Manchmal habe ich so starke Schmerzen, dass ich nicht mehr denken kann. Wenn ich Migräne habe, muss ich mich übergeben.


Als ich elf bis zwölf war, wurde es immer besser, bis es dann soweit kam, dass ich nur noch ein- bis dreimal im Monat Migräne hatte.

Schön wäre es, wenn ich gar keine Migräne mehr hätte.

Roman



Erste Migräne bereits mit zwei Jahren


Die Geschichte erzählt von meiner Tochter, welche im Juni acht Jahre alt wird. Angefangen hat es schon vor Jahren, damals war sie noch nicht einmal zwei Jahre alt. Ich bemerkte plötzlich einen „Schiefhals“. Sie konnte den Kopf nicht mehr gerade halten. Nach kurzer Zeit, ein paar Stunden, war alles wieder vorbei. Wenig später stand sie eines Morgens mit heftigem Schwindel auf und musste gleich erbrechen. Wir konsultierten den Arzt, und der überwies uns ins Kinderspital für eine Magnetresonanzuntersuchung und zur Abklärung. Im Kinderspital sagten uns die Ärzte, dass einzelne solche Fälle bekannt seien. Sie machten uns darauf aufmerksam, dass unsere Tochter später unter Migräne leiden könnte.

So ist es nun. Sie hat etwa zwei Migräneanfälle pro Jahr. Am Morgen beim Aufwachen hat sie heftigen Schwindel und Kopfweh, kann sich nicht bewegen. Dann muss sie erbrechen. Meistens lässt danach der Schwindel nach und sie ist nur noch sehr müde.

Vor kurzem haben wir mit der Ärztin besprochen, dass wir beim nächsten Anfall weitere Abklärungen machen werden. Bis jetzt haben wir während der Anfälle noch keine Medikamente eingesetzt. Ich werde mich aber entsprechend erkundigen, da der letzte Anfall ziemlich heftig war.

Ursula



Meine erste Migräne


Es war Montag Nachmittag nach dem Haushaltkunde-Unterricht. Ich bekam leichte Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Die letzten Minuten der Schulstunde kamen mir vor wie Stunden. Ich traute mich nicht, dies der Lehrerin mitzuteilen. Ich dachte, dass sie mir nicht glauben würde. Ich wusste ja selbst noch nicht, was mit mir los war. Als die Glocke läutete, ging ich sofort nach Hause. Es war ein ganz schlechter Tag für die mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Krankheit, denn am Montag bin ich immer alleine. Als ich nach Hause kam, legte ich mich ins Bett und wartete eine Weile, doch der Schmerz wurde immer stärker. Wie ein Blitz, der in mein Hirn einschlägt. Da ich am Abend Unihockey-Training hatte, wollte ich durchhalten und dachte mir einfach, dass es schon noch vorbei gehe.


Im Training konnte ich kaum rennen wegen der Schmerzen und ich sass etwa zehn Minuten nur draussen auf der Seitenbank. Ich entschloss mich, das Training zu beenden und nach Hause zu gehen. Es war eine regelrechte Qual mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren oder eben meinem Tempo entsprechend, zu kriechen.

Zu Hause legte ich mich ins Bett, doch der Schmerz wollte einfach nicht weggehen. Ich merkte, dass ich etwas unternehmen sollte und versuchte deshalb, meinen älteren Bruder auf dem Handy zu erreichen. Leider kam nur die Combox. Ich war am Ende meiner Kräfte und konnte nur noch auf allen Vieren ins Bett kriechen.

Als ich im Bett lag, merkte ich, dass das Licht mich extrem blendete und mir weh tat. Es war wie wenn ich die Strahlen des Lichtes in meinem Kopf spüren würde. Ich wollte auch nicht sprechen, als meine Eltern endlich zu Hause waren. Ich war froh, meinen Kopf so fest ins Kissen drücken zu können, dass ich den Schmerz nicht mehr so stark spürte.

Als die Migräne endlich vorbei war, war ich froh und hoffte eigentlich, dass so etwas nie wieder passieren würde. Aber eben, die Migräne kommt und geht, wann sie will.

Jonas



Migränebeschwerden ernst nehmen


Die Migräne kann als Erbleiden betrachtet werden. Neuere Forschungsresultate unterstreichen diese Erkenntnis deutlich. Wenn also mehrere Familienmitglieder unter Migräne leiden, so kann dies die Vermutung, dass ein Kind Migräne hat, bestätigen. Bei etwa sechzig Prozent der Betroffenen haben entweder die Mutter oder der Vater ebenfalls Migräne.



Beginn in jungen Jahren


Migräne kann aber auch als Kinderkrankheit betrachtet werden oder zumindest als Krankheit der Jugendlichen, denn sie setzt am häufigsten im Alter zwischen fünf und zwanzig Jahren ein. Am häufigsten beginnt sie bei Knaben etwa im zehnten und bei Mädchen im fünfzehnten Lebensjahr. Mädchen sind ab dem zehnten Lebensjahr deutlich häufiger betroffen als Knaben. Bei den Fünfzehnjährigen leiden zweimal so viele Mädchen unter Migräne wie Knaben. Im Jugend- und Erwachsenenalter wird der Unterschied noch deutlicher. Vierzigjährige Frauen leiden drei- bis viermal häufiger unter Migräne als gleichaltrige Männer.


Speziell bei kleineren Kindern ist Migräne nicht einfach zu diagnostizieren und wird deshalb oft lange nicht erkannt: Erstens können die kleinen Patienten ihre Beschwerden nicht recht schildern. Es fehlt ihnen der Wortschatz dazu. Zudem werden sie von den anfallsartigen Symptomen schlicht überfahren. Zweitens sind die Symptome nicht gleich wie bei erwachsenen Migränepatienten. Und drittens denken oft weder der Arzt noch die Eltern an die Möglichkeit einer Migräne.



Entwicklung der Migräne


Je jünger der Migränepatient ist, desto weniger dominieren Kopfschmerzen die Attacken. Es sind oftmals vor allem Zeichen des vegetativen Nervensystems, wie Schwindel, heftige Übelkeit und wiederholtes Erbrechen, Blässe, Frieren und Frösteln oder kalter Schweiss, welche die kleinen Patienten quälen. Erst im Schulalter gehen die Episoden mit Erbrechen oder Schwindel in die typischen Migräneattacken mit pulsierenden, oft halbseitigen Kopfschmerzen über. Die Kopfschmerzen der Kinder werden von den Eltern und Lehrern oft nicht ernst genommen. Ähnliches erleben Migränepatienten später von Arbeitskollegen und Familienangehörigen. Die Migräneanfälle dauern bei Kindern kürzer als bei Erwachsenen. Nach wenigen Stunden und meist nach kurzem Schlaf sind sie vorüber. Deshalb sind sie aber nicht weniger schlimm.

Migräne kann man nicht heilen. Dies sollte man schon den jungen Patienten erklären. Falsche Versprechen nützen niemandem. Aber auch Kinder sollten wissen, dass die Migränebeschwerden und der dadurch verursachte Leidensdruck mit verschiedenen Mitteln deutlich gelindert werden können. Oft lassen sich Auslöser für einzelne oder gehäufte Attacken finden. Dazu gehören zu wenig Schlaf oder ein unregelmässiger Schlaf-Wachrhythmus, ungewöhnliches Essverhalten und Ärger. Auslöser versuchen zu vermeiden ist hilfreich. Es gilt jedoch aufzupassen, dass man den Kindern durch Verbote das Leben nicht noch mehr vergällt und sie immer weiter isoliert. Hier müssen die Eltern einen Kompromiss suchen und Verständnis für die Wünsche der Kinder zeigen. Sicher ist es gut, Kinder auf anfallsauslösende Momente aufmerksam zu machen. Den Umgang damit sollte ihnen aber selbst überlassen sein.



Hilfe suchen


Falsch, und für die Betroffenen schlimm, ist die Idee, dass Kinder keine Migränemedikamente nehmen dürfen oder sollen. Auch Kinder haben ein Anrecht auf eine wirksame Anfallsbehandlung, die es zweifellos gibt.

Mit dem Hausarzt oder allenfalls einem Neurologen sollte diese Therapie besprochen werden. Wie bei den Erwachsenen, so muss auch bei den Kindern die Therapie ganz individuell abgestimmt werden. Beispielsweise kann sich regelmässige sportliche Betätigung, vor allem Ausdauersport, sehr positiv auswirken. Bei einzelnen Migränepatienten können aber stärkere sportliche Anstrengungen Attacken auslösen. Verschiedene Medikamente wirken rasch gegen Schwindel und Erbrechen ebenso wie gegen Kopfschmerzen. Der Leidensdruck und die „verlorene Zeit“ lassen sich so deutlich reduzieren. Noch viel zu oft wird den Kindern eine adäquate Behandlung vorenthalten, aus Angst vor Nebenwirkungen, vor „Chemie“, oder weil die Situation als „nicht so schlimm“ abgetan wird.


Ein Rat an Eltern migränegeplagter Kinder


„Suchen Sie mit Ihrem Kind den Arzt auf, lassen Sie die Kopfschmerzen abklären, besprechen Sie die Therapiemöglichkeiten. Nur wer unter Migräne leidet, kann mitfühlen, was die Anfälle bedeuten.“



Eine Anregung für Jugendliche


„Beansprucht das Recht auf eine wirksame Therapie eurer Migräneattacken, denn die gibt es. Nehmt die Beeinträchtigung durch Migräne nicht einfach hin. Sucht den Hausarzt oder einen Facharzt für Neurologie auf und lasst euch beraten.“

Prof. Matthias Sturzenegger