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Migräne hat viele Gesichter

Betrogen um ein Stück Leben


Ich habe es nie gesehen, das Ungeheuer, das mir in den letzten dreissig Jahren so oft im Nacken sass. Ich weiss nur, dass es mich eines Tages zu Beginn meiner Ausbildung angefallen hat und seither immer wieder besuchte. Vielleicht war es bei ihm Liebe auf den ersten Blick. Wer kann das schon beurteilen.

In den langen Jahren hat es mich beinahe erdrückt mit seiner grenzenlosen, leidenschaftlichen und egoistischen Liebe. Es kommt vor, dass es nur alle paar Wochen für einige Tage auf meinem Nacken hockt. Aber es gibt auch Zeiten, da hat es sich jeden Tag bei mir eingenistet.

Weder vor einer Medikamenten-Kur, noch vor autogenem Training oder Akupunktur hat es sich gefürchtet. Nur Homöopathie brachte es eine kurze Zeit zum Nachdenken.


Das Ungeheuer, ich stelle es mir als Adler mit drei Beinen vor, mit unordentlicher Federfrisur und dunklen Augen, die stechend in die Runde blitzen, bevorzugt die linke Seite meines Kopfes. Vor fünfzehn Jahren kam mein zweites Kind zur Welt. Seitdem nimmt sich das Ungeheuer manchmal auch die rechte Seite als Schlachtfeld vor.

Sobald es sich auf meine Schultern geschwungen hat, krallt es sich am Hinterkopf fest und wartet. Mein linkes Auge wir rot. Das linke Nasenloch verstopft. Mir ist schlecht und ich schlucke Medikamente. Nun bereitet sich das Ungeheuer zum Angriff vor. Aus Wut über unerwiderte Liebe vielleicht oder aus Gier.


Der Kampf beginnt. Der dreifüssige Adler hebt ein Bein, krallt sich mit einem Fuss an der linke Kopfseite fest, mit der anderen hinter dem Ohr und das dritte Bein bleibt am Hinterkopf festgehakt. Nun beginnt er mit dem Schnabel den linken Oberkopf aufzureissen. Kaum ist die Schädeldecke frei, krallen sich zwei seiner Füsse ins nackte Hirn. Ich arbeite ununterbrochen, um mich von diesem Schmerz abzulenken. Denken kann ich kaum noch. Wenn ich zu Hause bin, sitze oder liege ich, springe jedoch bald wieder auf und arbeite bis mich das Ungeheuer endlich doch besiegt. Betrogen um ein Stück Leben, liege ich im Bett.

Ich gebe auf, lasse mich fallen und lande im Meer des Schmerzes. Dunkelrot, dickflüssig fliesst es langsam dahin. Die Zeit bleibt stehen. Ab und zu sprüht Feuer auf und wirft hellgelbe Funken. Ich denke nicht mehr. Ich bin nicht mehr.

Nur langsam kehre ich zurück. Nach drei, vier oder fünf Tagen verlässt mich das Ungeheuer wieder. Auf dem Bett liegt eine weisse Schachtel, umschlungen mit einem breiten, roten Band. Neben Blumen und Sonnenschein liegt mein neues Leben, zärtlich gefaltet und frisch gebügelt. Zeigt mir das Ungeheuer seine Liebe, indem es mir jedes Mal nach dem Kampf ein neues Leben schenkt?

Wer bist du? Zeig dich, Ungeheuer! Seit dreissig Jahren kennen wir uns und doch schrecke ich jedes Mal zusammen, wenn du kommst.

Charlotte



Die rollende Kugel


Seit ich denken kann, leide ich unter quälenden Kopfschmerzen mit Übelkeit. Als Kind ein paar Mal pro Jahr; je älter ich wurde, desto häufiger kamen die Attacken.

Als eher temperamentvolle und quirlige Person zwingt mich die Migräne immer wieder zu ruhigen und stillen Phasen, obwohl ich in meinen Träumen immer kräftig und stark bin, niemals Schwäche zeige und immer auf Achse und gut drauf bin. Ich wollte auch stets zu den Starken und Gesunden gehören. Ich habe meine Migräne immer verachtet und verdrängt, still gelitten und Schmerztabletten geschluckt.

Die Attacken beginnen schleichend, wie eine rollende Kugel, die immer näher kommt und plötzlich explodiert. Die Vorboten kommen nicht immer. Wenn, dann habe ich ab und zu ein Herz-Stolpern und rasendes Herzklopfen, starke Lichtempfindlichkeit oder Gefühlsstörungen im Gesicht. Eine Faust im Magen raubt mir jedes Hungergefühl. Mich auf etwas zu konzentrieren ist quälend und beinahe unmöglich. Das Leben erscheint mir dann nicht mehr lebenswert und die schönen Dinge rundherum alle wertlos und unwichtig.

Die Zeit der Höllen-Qualen ist nur in einem stillen, dunklen Raum mit vielen Decken oder einer Bettflasche gegen Schüttelfrost durchzustehen. Das Gefühl danach aber ist jedes Mal unbeschreiblich erhebend, als sei ich neu geboren und ich werde mir bewusst, was es heisst, gesund und ohne Schmerzen zu sein.

Jede Föhnlage, jede Bise, jeder Höhenwechsel, jeder Zyklus: Ich lasse nichts aus! Inzwischen im mittleren Alter stehe ich zu meinen Schwächen und habe gelernt, auch mal zu den Verlierern zu gehören. An die mitleidigen Blicke der Ärzte, die einen nicht ernst nehmen, habe ich mich gewöhnt. Mein Mann ist noch heute der Überzeugung, dass Kopfweh wegen Föhn oder Bise Einbildung sei. Trotz allem akzeptiere ich mittlerweile meine Migräne als Teil von mir und betrachte sie als Aufgabe und Herausforderung des Lebens.

Während ich diese Zeilen schreibe, herrscht draussen herrliches Wetter, die Bise weht. Und in meinem Kopf beginnt die Kugel langsam zu rollen und kommt immer näher ...


Christel



Erste Bekanntschaft mit der Migräne


Ganz still sitze ich in der Schulbank und kann nicht verstehen, was in und an mir vorgeht. Was soll dieses Ameisenlaufen und Arm-Einschlafen? Und warum wird meine Oberlippe plötzlich taub? Dieses eigenartige Gefühl der Zunge? Die Augen sehen nicht mehr klar, was auf dem Blatt vor mir zu sehen ist. Hoffentlich muss ich nicht vorlesen! Sehnlichst wünsche ich mir, aufstehen zu dürfen und auszuprobieren, ob meine Beine ihren Dienst noch tun. Danke, vielen Dank, die Lehrerin schickt mich, einen Hellraumprojektor holen. Immer noch hoffe ich, dass der Spuk beim Laufen vorbei geht.


Die Treppenstufen werden zur Herausforderung, denn die Augen sehen immer nur einen Ausschnitt meiner Umgebung. Mit voller Konzentration erledige ich meine Aufgabe und öffne den Mund, um der Lehrerin etwas mitzuteilen. Doch oh, Schreck, die Worte, die ich aussprechen will, purzeln nur in einzelnen, zusammenhangslosen Buchstaben heraus. Ich realisiere zuerst gar nicht, was all die starrenden Gesichter um mich herum bedeuten. Die Worte im Hirn zu ordnen sowie das Wiederholen der Mitteilung strengt mich dermassen an, dass mich plötzlich der Gedanke durchblitzt: Jetzt drehst du durch! Die totale Hilflosigkeit aller Anwesenden, die zu erahnen versuchen, was ich sagen möchte, lässt mich resignieren.


Fürsorglich werde ich nach Hause gebracht, wo dann bald die ungeheuren Kopfschmerzen beginnen. Wenn nur der erholsame Schlaf über mich kommen würde. Stundenlang liege ich da mit dem Gedanken: bitte, bitte, lass mich wieder normal sein.


Dies war die erste Bekanntschaft mit der Migräne, die mich seither begleitet. Ich gehöre aber zu den Glücklicheren, die nicht allzu oft Attacken durchmachen müssen. Verschiedene Symptome wie Kribbeln, Gesichtslähmung und Sehstörungen gehören bei mir zum Einstieg, enorme Kopfschmerzen und totale Abgeschlagenheit bilden die Fortsetzung. Was mir aber sehr stark zu schaffen macht, ist diese Form der Sprachlosigkeit. Sehr bewusst denke ich die Worte im Hirn, aber meine Zunge ist ausserstande, sie auszusprechen. Ein mich bis ins Mark erschütterndes Gefühl.


Eine starke Verminderung der Anfälle verdanke ich einer Schwangerschaft. Mein neuer Tagesablauf hat meine „Wochenend-Stromunterbrüche“ auf ein erträgliches Mass schwinden lassen. Mit Ärzten über Migräne zu sprechen ist schwierig, da die Ursachen sehr vielfältig sein können und ich selber auch keine Ahnung habe, was wirklich hilft.


Helen



Jeder Patient hat seine eigene Migräne

Die eindrücklichen Schilderungen von Migränepatienten zeigen die grosse Spannweite von Symptomen, welche Migräne bei den Betroffenen aufweisen kann. Neben den eigentlichen Kopfschmerzen, die vielfach unerträglich sind, wird über eine Vielzahl von lästigen und teilweise bedrohlichen Begleiterscheinungen berichtet. Migräne ist persönlich. Aber auch bei ein und demselben Patienten laufen die Anfälle bezüglich Schwere und Lokalisation der Kopfschmerzen, Art der Begleitsymptome und Dauer der Attacken sehr unterschiedlich ab. Eine wirklich befriedigende Erklärung für diese Vielfalt der Erscheinungsbilder kann die Wissenschaft bis heute nicht geben. Weshalb es zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Auslösung eines Anfalls kommt und warum in einzelnen und häufig wechselnden Arealen des Nervensystems Funktionsstörungen auftreten, ist letztlich unbekannt.


Auslöser möglichst meiden


Viele Patienten kennen die auslösenden Faktoren für ihre Migräneanfälle. Diese Faktoren lassen sich manchmal recht genau definieren, zum Beispiel bestimmte Speisen, Alkohol oder Gerüche. Andere, wie Wetterwechsel oder Stress, sind recht unspezifisch. Sie lassen sich schlecht fassen. Den meisten Patienten ist bewusst, dass ein bestimmter auslösender Faktor nicht regelmässig zu einem Migräneanfall führen muss. Weitere, meist unbekannte Faktoren sind vermutlich in solchen Fällen an der Anfallsauslösung mitbeteiligt. Trotzdem ist es wichtig, dass Migräneleidende nach Auslösern forschen und diese möglichst meiden. Letzteres ist allerdings im Alltag nicht immer durchführbar. Wie soll man beispielsweise im Geschäftsleben dem Stress ausweichen?


Anfälle dokumentieren

Für die Planung sowie die Beurteilung einer Migränebehandlung haben sich Anfallskalender als sehr nützlich erwiesen. Häufig ist es auch hilfreich, wenn zusätzlich zum Ablauf die Begleitumstände der Anfälle vermerkt werden. Für den Arzt ist auch wichtig, zu wissen, welche Medikamente angewandt und wie hoch diese dosiert wurden. Auch alle anderen Behandlungen sollten notiert werden. Je präziser die Informationen, desto spezifischer kann eine neue Behandlung
den Bedürfnissen der einzelnen Patienten angepasst werden.

Die Erfahrung zeigt, dass die verschiedenen Patienten auf sehr unterschiedliche Therapien ansprechen. Patentrezepte gibt es leider keine. Der Arzt verfügt zwar über Anhaltspunkte, die eine Vorhersage darüber zulassen, wie Erfolg versprechend eine bestimmte Behandlung bei einem Patienten ist. Sicher sind diese Einschätzungen aber nie. Erst der Versuch bringt Gewissheit.



Missverständnisse ausräumen


Falls ein erster Behandlungsversuch unbefriedigend ausfällt, sollte nicht gleich an der Kompetenz des Arztes gezweifelt werden. Wichtig ist ausserdem, dass weder der Patient noch der Arzt die Ziele zu hoch stecken. In den meisten Fällen kann die Migräne zwar gelindert, aber nicht geheilt werden.

Viele Migränepatienten fühlen sich von ihrer Umgebung und auch vom Arzt nicht ernst genommen. Sicher kommt dies vor. In vielen Fällen ist das scheinbare Unverständnis aber nichts anderes als ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Patienten, die sich von ihrem Arzt nicht ernst genommen fühlen, sollten ihn darauf ansprechen. Es zeigt sich dann rasch, ob ihr Gefühl berechtigt war oder nicht. Sollte der Arzt einen Migränepatienten wirklich nicht ernst nehmen, ist ein Arztwechsel wohl die beste Lösung.

Prof.
Hans-Peter Ludin