Arbeit und Migräne

Teufelskreise


Ich leide seit meiner Kindheit an Kopfschmerzen, Übelkeit und Migräne-Attacken. Nach einer Mandeloperation mit acht Jahren liessen mich die Beschwerden nicht mehr los. Alle Abklärungen (u. a. ein drei- und ein vierwöchiger Spitalaufenthalt ein respektive zwei Jahre nach der Mandeloperation) und die vielen Medikamente, welche ich als Kind schon schlucken musste, brachten keinen Erfolg.


Später war es dann auch sehr schwierig am Arbeitsplatz, da die Kopfschmerzen praktisch immer - mehr oder weniger - präsent waren, sodass ich oft auf der Kippe zu einer Migräne-Attacke war. Oftmals musste ich auch während der Arbeit kurz zur Toilette, um zu erbrechen, was statt Erleichterung zusätzliche Beschwerden wie beispielsweise Schwindel brachte. Damit ich nicht viele Absenzen hatte, verbarg ich mein Unwohlsein so oft es möglich war, um trotzdem arbeiten zu können. Dies erhöhte wiederum die Gefahr einer Migräne-Attacke. Ein Teufelskreis!


Ich heiratete früh, wurde jung Mutter von zwei Kindern, wodurch ich circa zwölf Jahre lang selbstständig als Hausfrau und Mutter arbeitete. Diese Zeit war dann insofern um einiges einfacher, weil ich mich nicht beim Arbeitgeber rechtfertigen musste, wenn ich an den Beschwerden litt.

Als ich mich dann wieder auf den ausserhäuslichen Arbeitsprozess einliess und einen sehr guten, tollen und anspruchsvollen Job annehmen konnte, wurden meine Beschwerden wieder zur grossen Qual. Ich arbeitete als Arztsekretärin in der Sozialpsychiatrie. Innerhalb der ersten Jahre schon nahm die Arbeitsbelastung immer mehr zu, unter anderem natürlich auch die PC-Arbeit, welche mit Kopfschmerzen und Übelkeit sehr schwer zu ertragen ist. Das Verständnis der Mitarbeiter und des Arbeitgebers war „eigentlich“ da, jedoch wurden meine Schmerzzustände auch für sie eine Belastung, wenn dadurch meine Arbeitsleistung litt.

Da ich praktisch jeden Tag schon mit Spannungskopfschmerzen aufwachte, war die Entscheidung oft schlimm für mich, ob ich es nun wagen „durfte“ zur Arbeit zu gehen. Entschied ich mich für ein „Ja“, bestand die Gefahr, dass ich somit die Vorboten der Migräne-Attacke übergangen hatte. Aber ein „Nein“ ging auch nicht, da ich meinem Arbeitgeber nicht absagen wollte, denn zu schnell wird man als Simulant abgestempelt. Die Absenzen waren indes nicht viele. In einem Jahr fehlte ich beispielsweise nur vier Tage. Die Arbeitsleistung war jedoch häufig beeinträchtigt.


Das Gefühl im Arbeitsalltag war meist so, dass ich mit den Spannungskopfschmerzen und Übelkeit „kämpfen“ musste, in der Angst, sie könnten innerhalb von Sekunden in eine Migräne-Attacke übergehen. Die Attacken waren jeweils so schlimm, dass ich wirklich nichts mehr machen konnte, ausser vor der Toilette zu knien und einige Zeit (Stunden) zu warten, bis ich mich für den Heimweg ins Auto wagen durfte. Die Fahrt war dann ein riesiger Stress. Ich musste immer wieder stoppen und aussteigen, um zu erbrechen (auch auf der Autobahn). Der grösste Wunsch in diesem Schmerz war jeweils: „Ich will nur noch sterben!“

So kam es schliesslich nach 5-jähriger Anstellung soweit, dass ich die Kündigung erhielt, mit dem Grund, meine Arbeitsleistung genüge nicht mehr. Auch wenn es mir bewusst war, konnte ich sehr schlecht mit dieser Tatsache umgehen, denn ich wollte arbeiten können, ich liebte diese Arbeit. Also wieder ein Teufelskreis.

Mit diesem Kündigungsgrund war es dann recht schwierig, ja fast unmöglich, wieder eine Arbeit zu finden. So war ich dann lange Zeit krankgeschrieben, was für mich unbeschreiblich hart war. Schliesslich empfahlen und verhalfen mir die Ärzte (Kurklinik, Hausärztin und Uni-Klinik) zur IV-Anmeldung für eine Umschulung zu einem weiteren Traumberuf. So bin ich heute (42-jährig) schon bald ein Jahr im Vollzeit-Studium zur medizinischen Masseurin und es geht mir viel besser. Nun falle ich auch niemandem mehr zur Last, wenn es mir schlecht geht.

Damit geht es mir heute immer besser, ja sogar schon fast gut. Es gibt immer weniger Tage, an welchen ich von den Beschwerden geplagt werde.
Ein unbeschreibliches Gefühl, denn die Lebensqualität ist endlich da!

Lina



Trotz Migräne zu arbeiten ist ein Risiko


Es ist eine Tatsache, dass MigränikerInnen lieber schweigen, als ihrem Chef oder den Arbeitskollegen zu erzählen, dass sie regelmässig unter Migräne leiden. Es ist aber auch eine Tatsache, dass es niemand fertig bringt, während einer Migräne mit voller Leistung weiter zu arbeiten. Eine Migräneattacke bedeutet sinkende Konzentration, eine erhöhte Fehlerquote und verlangsamte Arbeitsabläufe.

Künden erste Beschwerden einen heraufziehenden Migräneanfall an, stehen die meisten Betroffenen vor dem Entscheid: Bleiben oder nach Hause gehen. Bleiben heisst, eine Tortur durchstehen und dabei genau wissen, dass die Leistung nicht optimal ist.

Nach Hause gehen ist jedoch für die meisten noch viel schlimmer. Sie fürchten sich davor, bei Arbeitskollegen und Vorgesetzten einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Dahinter steht die Angst, missverstanden, schlecht qualifiziert oder nicht wie andere befördert zu werden. Anders sähe die Situation aus, wenn die Betroffenen am Arbeitsplatz die Möglichkeit hätten, ihre Arbeit kurzfristig zu unterbrechen. Gäbe es in Unternehmen Ruheräume und die Toleranz, dass diese auch benutzt werden dürfen, könnten sich Menschen mit heftigen Kopfschmerzen zurückziehen, bis das Schlimmste vorbei ist oder ein Medikament gewirkt hat.

Die Realität sieht anders aus. Um weiter arbeiten zu können, schlucken Migränebetroffene Medikamente, oft häufiger und in höheren Dosen als sie eigentlich wollen. Zusätzlich zu den Kopfschmerzen, der Übelkeit sowie der Licht- und Lärmempfindlichkeit plagt sie wegen der vielen Medikamente auch noch ein schlechtes Gewissen. Je nach Präparat ist dieses Gefühl eine ernst zu nehmende Warnung. Wer über Jahre zu viele Arzneien gegen Kopfschmerzen einnimmt, läuft Gefahr, dass die Abstände zwischen den Migräneattacken kürzer und Kopfschmerzen irgendwann zum Dauerzustand werden. Die Therapie muss deshalb in regelmässigen Abständen mit einem Arzt abgesprochen und angepasst werden, wenn die Migräne sich verändert oder neue Medikamente auf den Markt kommen. Eine gute Akuttherapie verbessert die Situation von Migränebetroffenen deutlich.

Trotz Migräne zu arbeiten birgt je nach Beruf auch noch andere erhebliche Risiken. Beispielsweise leiden viele MigränikerInnen vor oder während einer Attacke unter Augenflimmern. Im Strassenverkehr oder bei der Arbeit an einer Maschine ist dies gefährlich. Problematisch können auch Konzentrationsstörungen oder der vorübergehende Verlust des Kurzzeitgedächtnisses sein. Unheilvoll wird das bei Arbeiten, die sich nicht ohne weiteres wiederholen lassen, beispielsweise beim Kundenkontakt oder einer Arbeit am Menschen. Wortfindungsstörungen kommen bei Migräne ebenfalls häufig vor. Wer darauf angewiesen ist, sich klar auszudrücken, hat darunter sehr zu leiden. In solchen Situationen überlassen MigränikerInnen lieber anderen das Wort, als sich bis auf die Knochen zu blamieren.

Wir müssen davon ausgehen, dass jeder fünfte Arbeitnehmer resp. jede fünfte Arbeitnehmerin unter Migräne leidet. Die Krankheit und ihre Auswirkungen sollten deshalb auch im Geschäftsleben ein Thema sein. Mehr Information schafft Klarheit. Darüber hinaus fördert sie ein Verständnis, welches sich nicht in gut gemeinten Ratschlägen erschöpft, sondern sich in echter Anteilnahme zeigt. Im offenen Gespräch zwischen Vorgesetzten und Migränebetroffenen können Lösungen gesucht werden. Wichtige Fragen sind, wie Leistungsschwankungen ausgeglichen oder Ausfälle aufgefangen werden können. Damit wäre nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Arbeitskollegen und dem Unternehmen selbst gedient.

Dr. med. Christian Meyer