Posttraumatische Kopfschmerzen
Antonella Palla
Hintergrund
Kopfschmerzen nach einem Unfall oder Sturz sind sehr häufig. Wenn Kopfschmerzen nach einer Kopfverletzung entstehen – also nach einem Verkehrsunfall (24–58 %), Sturz (24–45 %) oder einer Sportverletzung (3–18 %) – spricht man von posttraumatischen Kopfschmerzen (PTH).
Entscheidend für die Diagnosestellung eines PTH ist der zeitliche Zusammenhang: Kopfschmerzen müssen innerhalb von 7 Tagen nach der Verletzung auftreten, um als posttraumatisch zu gelten. Das entspricht den internationalen Diagnosekriterien (ICHD-3).
PTH sind eine der häufigsten Ursachen chronischer Kopfschmerzen. Etwa 4,7 % der Männer und 2,4 % der Frauen sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen.
In einer der bisher grössten Studien weltweit wurden 1594 Patienten mit leichtem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) an amerikanischen Traumazentren untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass zwei Wochen nach der Verletzung 60,4 % der Patienten (963 von 1594) über Kopfschmerzen berichten. Von diesen haben 52,4 % weiterhin Kopfschmerzen nach 3 Monaten. Nach sechs Monaten liegt der Anteil bei 37,5 %, und nach zwölf Monaten noch bei 28,9 %. 2
Nach einem Schleudertrauma haben bis zu 60 % der Betroffenen in der ersten Woche Kopfschmerzen. Nach drei Monaten leiden noch etwa 23 % darunter.1
Posttraumatische Kopfschmerzen – Erscheinungsbild
PTH manifestieren sich unterschiedlich, es gibt kein typisches Erscheinungsbild. Jeder Kopfschmerz nach einer Kopfverletzung kann als PTH gewertet werden, unabhängig von Art, Schwere oder Begleitbeschwerden. Häufig berichten Patienten:
- Beidseitige Kopfschmerzen (bei ca. 72 %)
- Pochende Kopfschmerzen (bei ca. 68%)
- Mittlere bis starke Intensität (bei ca. 98 %)
- Verschlechterung durch körperliche Aktivität (bei ca. 80%)
- Licht- und Lärmempfindlichkeit (93–96 %)
- Übelkeit (bei ca. 75 %)
Aktuelle Daten zeigen: Bei anhaltenden PTH haben 93,9 % der Patienten ein migräneartiges Erscheinungsbild. Im Durchschnitt hatten diese Patienten 27 Kopfschmerztage pro Monat – ähnlich wie bei chronischer Migräne. Das verdeutlicht, wie belastend PTH sein können.4
Die Erholung nach einer Kopfverletzung ist sehr unterschiedlich. Folgende Faktoren erhöhen das Risiko, dass Kopfschmerzen und andere Beschwerden länger anhalten:
Besonders starke Risikofaktoren:
- Viele Beschwerden direkt nach der Verletzung (z. B. hohe Kopfschmerzlast, Schwindel, Konzentrationsprobleme)
- Psychische Symptome: Depression, Angst, posttraumatische Belastungsstörung
Weitere Risikofaktoren:
- Weibliches Geschlecht
- Bereits bestehende Migräne oder frühere Kopfverletzungen
- Frühere psychische Erkrankungen
- Auffällige Befunde in der Bildgebung / schwere Verletzungszeichen
- Pessimistische Erwartungen bezüglich der eigenen Genesung
- Angst vor (eigentlich sicheren) Alltagsaktivitäten
- Soziale Belastungen (z. B. finanzielle Sorgen, mangelnde Unterstützung)
Was bedeutet das?
Wer mehrere dieser Faktoren hat und beim Arzttermin noch Symptome zeigt, profitiert von engmaschigeren Kontrollbesuchen und/oder einer frühzeitigen Überweisung an eine spezialisierte Sprechstunde für Kopfschmerzen respektive Schädel-Hirn-Trauma.
Literatur
[1] Ashina H et al. Post-traumatic headache attributed to traumatic brain injury: classification, clinical characteristics, and treatment. Lancet Neurology. 2021;20:460–469.
[2] Ashina H, Dodick DW et al. (TRACK-TBI Investigators). Prevalence of and Risk Factors for Post-traumatic Headache in Civilian Patients After Mild Traumatic Brain Injury. Mayo Clin Proc. 2023;98(10):1515–1526.
[3] Ashina H, Iljazi A, Al-Khazali HM et al. CGRP-induced migraine-like headache in persistent post-traumatic headache attributed to mild traumatic brain injury. J Headache Pain. 2022;23:135.
[4] Al-Khazali HM, Christensen RH, Ashina H. Clinical comparisons between post-traumatic headache and migraine: A cross-sectional study. Cephalalgia. 2025;45(4):1–16.
[5] Schwedt TJ. Post-traumatic headache due to mild traumatic brain injury: Current knowledge and future directions. Cephalalgia. 2021;41(4):464–471.
[6] Schwedt TJ. Posttraumatic Headache. Continuum (Minneap Minn). 2024;30(2):411–424.
[7] Göbel H. (Hrsg.). Die Kopfschmerzen. Kapitel 13. Springer Nature, 2025. ISBN 978-3-662-68873-1.
[8] Silverberg ND, Lee K, Mikolić A et al. (Action Collaborative on TBI Care). Adapted Clinical Practice Guideline. J Neurotrauma. 2026;43:89–108.
[9] Ashina H, Iljazi A, Al-Khazali HM et al. Efficacy, tolerability, and safety of erenumab for the preventive treatment of persistent post-traumatic headache attributed to mild traumatic brain injury: an open-label study. J Headache Pain. 2020;21(1):62.
[10] Christensen RH, Al-Khazali HM, Gollion C, Chaudhry BA, Ashina M, Ashina H. White matter tract differences in persistent post-traumatic headache, migraine, and healthy controls: a diffusion tensor imaging study. J Headache Pain. 2025;26(1):155.