Wie muss ich mit den Kopfschmerzen meines Kindes umgehen?
Tobias Iff
Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter
Kopfschmerzen (KS) im Kindes- und Jugendalter sind häufig, rund 10-15% der Kinder und Jugendlichen sind betroffen. Wie bei den Erwachsenen leiden auch Kinder und Jugendliche meist an Spannungstypkopfschmerzen («Stress-KS») und Migräne. Das sind sog. «primäre» Kopfschmerzen. Seltener sind KS als Folge von Krankheiten, sog. «sekundäre» Kopfschmerzen. Anzeichen für sekundäre KS könnten folgende sein:
- Schmerz wird schlimmer
- Therapien wirken nicht
- Alarmzeichen (s. Liste 1)
- neurologischen Symptomen (bspw. Sehstörungen, Taubheitsgefühle, Schwindel, Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen)
- ungewöhnliche Kopfschmerzen
Bei diesen Anzeichen ist Vorsicht geboten, und der/die Kinder-/Hausarzt/-ärztin sollten aufgesucht werden, da weitere Abklärungen wie Schädel-MRI u.a. notwendig werden.
Aber auch primäre KS sollten ernst genommen werden, insbesondere wenn eine Migräne wöchentlich auftritt, lange andauert oder auf eine Behandlung nicht anspricht. Weil auch Depressionen zu Spannungs-KS im Jugendalter führen können, sind Abklärungen wichtig.
Um herauszufinden, was die Kopfschmerzen auslöst und wie gut welche Behandlungsmassnahmen helfen, kann es sinnvoll sein, einen Kopfschmerzkalender zu führen.
Bei Mädchen sollte dabei auch der Menstruationszyklus eingetragen werden. Kopfschmerzkalender gibt es auch in Form von Apps. Eine frühe Diagnose von primären Kopfschmerzen ist entscheidend, da die richtige Therapie die Kopfschmerzen lindern oder sogar heilen kann. Ohne Therapie bzw. mit der falschen Therapie können sich die Kopfschmerzen verschlimmern oder sogar chronisch werden, was bei 1-2% der Jugendlichen der Fall ist.
Liste 1: Alarmzeichen bei Kopfschmerzen
- Vorsicht bei ganz kleinen Kindern (jünger als 5 Jahre)
- plötzlich einschiessende, sehr starke KS oder kürzlicher Beginn von intensiven KS
- nächtliches Erwachen wegen KS und/oder Erbrechen bei leerem Magen, zunehmendes Erbrechen
- stetig zunehmende Kopfschmerzen, bei denen keine Behandlung hilft
- KS mit neurologischen Auffälligkeiten (Bewusstseinsänderungen, epileptische Anfälle, Sehstörungen inkl. Doppelbilder, Gangauffälligkeiten, Lähmungen, Gefühlsstörungen u.a.)
- allgemeiner Leistungsabfall und/oder Persönlichkeitsveränderungen
Wie soll ich die Kopfschmerzen meines Kindes behandeln?
Wenn ein Kind im Vorschulalter primäre Kopfschmerzen hat, die weniger als eine halbe Stunde dauern, reicht es, wenn sich das Kind hinlegt und ausruht. Bei starken KS, die länger dauern, genügen solche allgemeinen Massnahmen meistens nicht mehr. Das Kind soll dann eine Schonhaltung einnehmen und von starken Reizen geschützt werden. Ausserdem sollte man ihm ein Medikament zur Schmerzlinderung geben (s. Liste 2).
Wenn ein Kind wiederholt unter starken KS/Migräne leidet, ist es wichtig, dass man ihm sofort nach dem Auftreten der Kopfschmerzen ein Medikament gibt. So ist es möglich, dass der Schmerz innerhalb von 1 bis 1 ½ Std. nur noch halb so stark ist.
Migräne mit Aura tritt bei etwa einem Fünftel der Migränepatient-/innen auf, meist aber erst nach dem 11. Lebensjahr. Eine sofortige Behandlung der Aura sowie der danach meist folgenden, intensiven Kopfschmerzen kann sich schwierig gestalten. In solchen Fällen sollte eine/n Kopfschmerzspezialist/in zurate gezogen werden.
Falls diese allgemein wirksamen Schmerzmittel nicht ausreichend helfen, können spezielle Migränemedikamente, sogenannte Triptane, ausprobiert werden. Diese sind in der Regel ab 12 Jahren zugelassen. Deren Verwendung sollte mit dem/r Kinder-/Hausärztin besprochen werden. Allenfalls kann eine Überweisung zu einem/r Spezialist/in sinnvoll sein.
Bei leichteren Spannungstyp-KS können Medikamente in der gleichen Dosierung angewendet werden wie bei Migräne.
Liste 2: Allgemeine Massnahmen zur gesunden Lebensweise
Allgemeine Massnahmen zur gesunden Lebensweise spielen bei der Vorbeugung von primären KS eine wichtige Rolle. Dazu gehören:
- ausreichend und regelmässig schlafen
- regelmässige, wöchentliche körperlich-sportliche Betätigung (2x ½-3/4 h/Woche)
- genug trinken (2-3 Liter/Tag), keine oder nur wenige koffeinhaltige Getränke
- regelmässige Mahlzeiten resp. Vermeiden von «Hungerattacken»
- da die Studienlage zu elektronischen Geräten uneinheitlich ist, gibt es keine allgemeine Empfehlung – ausser wenn sie den Schlaf verkürzen oder reduzieren
- Ergänzend dazu können Methoden wie Akupunktur oder muskelentspannende Massnahmen – zum Beispiel Physiotherapie, Osteopathie oder Craniosakraltherapie in Einzelfällen den Verlauf positiv mitbeeinflussen.
Vorbeugende Massnahmen
Wenn jemand mehr als 3-4 Migräneattacken pro Monat hat, die Behandlung der Attacken nicht wirkt oder die Migräneepisoden länger als 72 Stunden dauern, sollte über vorbeugende Massnahmen nachgedacht werden.
Das gilt auch bei sogenannten Medikamentenüberkonsumkopfschmerzen (MüKS), wenn also an mehr als 10 Tagen pro Monat während drei Monaten in Folge Schmerzmittel eingenommen werden müssen. Weil sich daraus ein chronischer Kopfschmerz entwickeln kann, ist es sinnvoll, eine erfahrene/r Kinder-/Hausärztin oder ein/e Kopfschmerzspezialist/in aufzusuchen und sie/ihn zu fragen, ob sie/er eine vorbeugende Behandlung empfehlen würde.
In vielen Fällen kann eine vorbeugende Behandlung mit hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln wie Magnesium oder Vitamin B2 (Riboflavin u.a.) ausprobiert werden. Diese Nahrungsergänzungsmittel sollte man mind. 2-3 Monaten einnehmen und bei guter Wirkung damit während 6-12 Monaten weitermachen.
Wenn die Migräne häufig oder chronische auftritt – besonders wenn Migräne «in der Familie liegt» – können stärkere Medikamente nötig sein. Diese werden von erfahrenen Spezialisten/innen und nach internationalen Richtlinien verschrieben. Zu diesen Medikamenten gehören Flunarizin, Betablocker, Antiepileptika und Antidepressiva). In besonders schweren Fällen, die auf keine andere Behandlung ansprechen, können bei Jugendlichen unter 18 Jahren selten sogar neuere Methoden (CGRP-Antagonisten) angewendet werden. Dies geschieht aber nur in ausgewählten Kopfschmerzzentren.
Wie lange können Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen andauern?
Langzeitstudien über 20-40 Jahre zeigen, dass Migräne im Kindesalter in etwa der Hälfte der Fälle auch im Erwachsenenalter weiterbesteht. Das macht eine frühzeitige Diagnose und korrekte Behandlung dieser Langzeiterkrankung besonders wichtig. Ausserdem kann eine Migräne im Laufe der Zeit in Spannungstyp-KS übergehen - und umgekehrt.
migraine friendly school
migraine friendly school ist eine Informationskampagne der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft (SKG).
Sie möchte Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrpersonen und Schulen, für das Thema Kopfschmerzen und Migräne sensibilisieren und mit praktischen Informationen und Tipps unterstützen.

Kinderbuch: Der Schatten, der in Lunas Kopf lebt
Dieses Buch zeigt eindrucksvoll, wie stark eine Migräne den schulischen und sozialen Alltag eines jungen Menschen dominieren und sogar das gesamte Leben überschatten kann.
Ebenso wird deutlich, wie Luna es durch eine wirksame Therapie ein Jahr später schafft, die Kontrolle über ihre Migräne zurückzugewinnen.
